Der Mordversuch

Der Mordversuch

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Die Kaufhausüberwachung, für Mike der Inbegriff seines Traumberufs:

Immer wieder benutzte er die Gelegenheit, um Überwachungen selbst durchzuführen. Hier hatte er direkten Kontakt zu Menschen jeder Art und Schattierung. Hier konnte er die Menschen charakterisieren und immer wieder aufs Neue, gabs nie für möglich gehaltene Überraschungen.

Mike beobachtete an einem Freitagnachmittag einen Mann, um die 40 Jahre alt, bekleidet mit einer Arbeiterlatzhose. Er sah, wie der Mann verschiedene Teile aus dem Einkaufswagen herausnahm und diese in die Latzhose wegsteckte. Der Kunde wurde, als er das Haus verlassen wollte, von Mike gestellt. Dem Kunden war anzumerken, wie er überlegte, ob er mitkommen oder weglaufen sollte. Mike stellte sich energisch in den Weg und schob den Kunden in das Detektivbüro. Hier brachte der Mann verschiedene Artikel, im Werte von ca. 45,-€ aus seinen Taschen und unter seiner Kleidung hervor. Mike begann die Strafanzeige zu tippen. Es war ein alltäglicher Fall.

„Ich geh jetzt zur Toilette,“ sagte der Mann, der nun auf den Ausgang zuging.

„Hierbleiben,“ forderte Mike in barschen Ton. „Dann piss ich hier ins Büro,“ war die Antwort des Beschuldigten. „Hören Sie auf damit,“ forderte Mike den Kunden auf. So ging das noch einige Male hin und her. „Jetzt piss ich hierher,“ sagte der Mann erneut und öffnete seine Hose. Mit schmerzverzerrtem Gesicht beugte sich der Kunde nach vorne und sagte: “ Ich halte das nicht mehr aus!“ „Dann gehe ich mit Ihnen zur Toilette,“ schlug Mike vor, um nicht weitere Spannungen aufkommen zu lassen. Er ging mit dem Mann in Richtung Toilette und passte natürlich auf, dass er nicht entwischen konnte.

Mit einem Sprung, zwei Kunden umstoßend, rannte der Mann in Richtung Ausgang davon. Er rannte im Eiltempo über den großen Kundenparkplatz, auf eine angrenzende Wiese zu. Mike hatte hundertmal solche Verfolgungen übernehmen müssen und hatte sich dafür eine spezielle Taktik entwickelt. Er verfolgte den schnell davon sprintenden Kunden im Dauerlauftempo, mit entsprechend dosierter Kraft. Den zunächst schnell wachsenden Vorsprung des Kunden ließ er außer Acht. Die Kräfte ließen bei den Spurten meist schnell nach und so konnte er oft genug schon, die außer Atem geratenen Personen, nach einiger Verfolgung wieder stellen.

So auch jetzt, der Mann wurde langsamer, man merkte, wie seine Beine schwer wurden. Mike holte auf, Meter um Meter. Mike hatte nach einer Verfolgung von ca. 800 Metern den Kunden fast eingeholt. Es fehlten nicht einmal mehr zwei Meter, zum Greifen nah, war er an ihn herangekommen. Jetzt noch einige Meter quälen, dann ist die Jagd zu Ende, dachte Mike.

ln diesem, Moment sah er es aufblitzen, in der rechten Hand des Mannes.

Was hat der denn in der Hand, dachte Mike? Eine Schere oder gar ein Messer? Wo hat der denn das Messer her? Warum hat er überhaupt ein Messer in der Hand? All diese Gedanken durcheilten sein Gehirn, in Bruchteilen einer Sekunde.

In diesem Augenblick stoppte der Ladendieb seinen Lauf, drehte sich blitzartig um und stieß mit einem feststehenden Messer nach Mike. Er traf nicht, da Mike ebenso schnell reagierte.

„Verschwinde, sonst stellte ich Dich ab!“ Sagte der Verfolgte und drohte mit dem Messer. Dann drehte er sich um und lief weiter.

Er überstieg einen ca. 1,80 cm hohen Gartenzaun. Mike folgte ihm. Als nun beide in dem umzäunten Gartengelände standen, nahm Mike die neben einem Gartenhäuschen liegenden Mauersteine, zur Verteidigung auf. Er ging damit auf den Flüchtenden zu, um ihn zur Aufgabe zu bewegen. Der Mann überstieg wieder den Zaun an der Rückfront des Gartens und floh

Erneut. Die Verfolgung ging über Nebenstraßen, Garagendächer, bis sich der Beschuldigte in einem Hausflur versteckte.

Plötzlich kam ein anderer Mann, mit einem Knüppel bewaffnet, aus dem gleichen Hauseingang, in den der Ladendieb geflüchtet war. Der Mann hatte offensichtlich die Situation falsch eingeschätzt. Er vermutete wohl, dass Mike einen Unschuldigen verfolgte und wollte diesem Beistand leisten. Mike gelang es jedoch die Situation aufzuklären und bat den Mann die Polizei zu alarmieren. In diesem Augenblick kam der Ladendieb wieder aus seinem Versteck hervor und flüchtete erneut, über die angrenzenden Garagendächer. Vom letzten Dach aus sprang er aus ca. 5 Metern Höhe in einen Hof. Mike folgte ihm. Wieder drohte er mit dem Messer.

Als der Täter in einen Garagenhof einbog, nahm Mike von einer Baustelle ein Eisenrohr auf.

Er wollte nicht ungeschützt in die dunkle Hofeinfahrt folgen. Im Hof befanden sich Anwohner und ein kleines Mädchen, die ihre Fahrräder zu ihrer Wohnung schoben. Der Kaufhausdieb entriss dem Mann das Fahrrad und versuchte damit zu entkommen. Nun musste er allerdings an Mike vorbei und hatte zuvor noch eine kleine Holzgartentür zu öffnen. Mike versperrte diese Tür. Der Mann stocherte zunächst mit dem Messer, über die Gartentüre hinweg, nach Mike. Als dies keinen Erfolg zeigte, fasste er das Messer an der Klinge und zielte, wie mit einem Wurfmesser, nach Mike. Der blieb jedoch stehen, nahm die linke Hand, zur Faust geballt, wie die Deckung eines Boxers, vor die Augen. Er deckte Kopf, Herz und Magen ab, um sich vor einem Messerwurf, so gut es ging, zu schützen. Jetzt kam es auf jede Reaktion an, das war dem Detektiv bewusst. Er führte einen Schlag mit der Eisenstange, zum Kopf des Täters aus. Er verfehlte den Kopf und traf mit voller Wucht die Brust des Mannes. „Wieso steht der noch?“ Dieser verdammte Hund, was hält der denn noch alles aus? Wieder griff der Mann an und versuchte das Gartentor zu öffnen. Wenn das gelingt, das sah Mike deutlich vor Augen, war er dem Täter in der engen Hofeinfahrt ausgeliefert. Er musste das Durchbrechen verhindern. ln diesem Moment legte der Täter die Hand auf das Gartentor. Mike schlug mit voller Wucht die Eisenstange auf die Hand. Es knackte fürchterlich.

Jetzt habe ich ihn, dachte Mike. Doch der Kontrahent verzog kaum das Gesicht, drehte sich um und flüchtete wieder über die Garagendächer. Die Anwohner waren zahlreich auf ihren Balkonen versammelt und beobachteten das Geschehen.

Warum kam denn keine Polizei?

Diese Frage blieb für Mike zunächst unbeantwortet. Erneut folgte er dem Täter über die Dächer, ins angrenzende Unterholz. „Halt, stehen bleiben Polizei!“ Forderte ihn eine Stimme auf. Mike drehte sich um und was er nun sah, konnte ihn noch nicht beruhigen. Ein Polizeibeamter zielte mit schussbereiter Waffe auf ihn. Schon wieder eine Verwechslung, dachte Mike. Wann hört das Scheißspiel endlich auf? Er hob die Arme und ging mit ruhigen Schritten auf den Beamten zu. Der Täter konnte inzwischen entkommen.

Alles klärte sich in den nächsten Minuten auf. Dem Polizist war klar, dass er den falschen Täter gestellt hatte. Die Polizei konnte auch nicht früher kommen, da sie mit Blaulicht vor einer geschlossenen Bahnschranke standen.

Gemeinsam setzte man nun die Suche nach dem Täter fort. In einer Seitenstraße wurde der Täter kurze Zeit später aufgegriffen. Schweißperlen standen ihm im Gesicht, er atmete schwer und hielt seine Hand in seiner Latzhose verborgen.

„Die Hand habe ich mir an einer Autotür gequetscht,“ gab er gegenüber der Polizei an. Ein Messer habe er auch nie bei sich gehabt, so die weitere Einlassung des Täters.

Dennoch, ein Mann mit äußerster krimineller Energie war gestellt. Er musste zunächst ins Krankenhaus eingeliefert werden, die Hand war mehrfach gebrochen, so die Diagnose des Arztes. Ein Mann mit 16 Vorstrafen, der schwersten Gewaltkriminalität war gefasst. Aber, wie kann ein Mensch, wegen lächerlicher 45,-€, einen anderen Menschen deswegen umbringen wollen? Diese Frage bewegte Mike am dringlichsten. Mike konnte aber auch eine andere Frage stellen: „Warum riskiert ein Mensch sein Leben, um einen Kriminellen zu stellen, der ihn wegen lumpiger 45,-€ umbringen würde, um sich seiner Festnahme zu entziehen.

Beide Fragen werden keine begreiflichen und verständlichen Antworten finden.

Mike hatte zu dem Vorfall einen Bericht gefertigt und dann nichts mehr davon gehört.

Nach einigen Wochen erhielt er eine Strafanzeige von dem kriminellen Ladendieb, wegen schwerer Körperverletzung.

Er wurde zur Kripo vorgeladen. Vorwurfsvoll erklärte der Kripobeamte: „Nehmen sie die Sache nicht auf die leichte Schulter! Die Sache sieht nicht gut für Sie aus!“

Hier war es doch wieder, was er früher nicht so verstehen konnte. Der Kriminelle bekommt eine geringe Bestrafung und lacht die anderen aus. Die auf der anderen Seite stehen, die haben dann die Probleme.

Nach langer Zeit und umfangreichen Erklärungen Berichten und Polizeivernehmungen wurde das Verfahren gegen Mike eingestellt.

Der Täter bekam eine lächerlich geringe Geldstrafe, das hatte Mike Monate später beiläufig erfahren.

Detektei AC
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